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Expressionismus in der Schweiz

Der Begriff Expressionismus wird nicht nur auf die bildende Kunst angewendet, sondern auch auf Literatur, Theater, Film und Musik. In der Malerei und Skulptur setzte er sich in den Jahren unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg durch als Sammelbezeichnung für heterogene avantgardistische Tendenzen wie Kubismus, Futurismus und Fauvismus, denen die Ablehnung der anerkannten Gestaltungsnormen eigen war, seien sie konservativ (Akademismus, Realismus) oder fortschrittlich (Impressionismus). Statt der sachlichen Wiedergabe oder Analyse der sichtbaren Realität wurde eine forciert subjektive, stark gefühlsbetonte Umsetzung seelischer Erfahrungen und persönlicher Befindlichkeiten angestrebt. Handwerkliche Virtuosität und rationale Gestaltungsprozesse wichen spontaner Kreativität und einer oft roh oder gar ekstatisch anmutenden Ästhetik. Nach dem Erscheinen von Paul Fechters Schrift Der Expressionismus von 1914, die auf die Künstler der Brücke und des Blauen Reiters fokussierte, engte sich der Geltungsbereich zunehmend auf deutsche Ausprägungen ein. Zeitlich wird er in die Jahre zwischen 1905, dem Gründungsdatum der Künstlervereinigung Die Brücke, und die 1920er-Jahre situiert.

Die Kunstgeschichte veranschlagt heute für den Expressionismus in der Schweiz einen fast analogen Zeitraum. Ferdinand Hodler gilt mit seinen ausdrucksstarken, formal prägnanten symbolistischen Figurendarstellungen als ein zentraler Wegbereiter. Eine ebenso wichtige Rolle spielte Cuno Amiet. Wegen seines Aufenthaltes in Pont-Aven 1892–93 repräsentierte er als einer der ersten die nachimpressionistische, französisch geprägte Moderne in der Nachfolge Paul Gauguins, Vincent van Goghs und Paul Cézannes in der Schweiz und in Deutschland, wo er Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel und Fritz Bleyl zur Gründung der Vereinigung Die Brücke inspirierte, deren einziges Schweizer Mitglied er 1906 wurde. Zu einem frühen Auftritt des Expressionismus in der Schweiz verhalf Der moderne Bund, der als erste Schweizer Avantgarde-Vereinigung von Jean Arp, Walter Helbig und Oscar Lüthy 1911 in Weggis gegründet wurde. Seine Ausstellungen spiegeln die Genese des Expressionismus. In der ersten Manifestation 1911 in Luzern waren neben Werken von Hodler und Amiet vor allem Arbeiten der französischen Avantgarde zu sehen. 1912 nahmen in Zürich neben jungen Schweizern (Hermann Huber, Hans Berger, Reinhold Kündig, Wilhelm Gimmi, Emil Sprenger) und französischen Kubisten und Vertretern des Orphismus auch Paul Klee und Künstler aus dem Umkreis des Blauen Reiters teil. Einen ersten Höhepunkt erlebte der nunmehr deutsch geprägte Expressionismus in der Schweiz während des Ersten Weltkrieges in Zürich. Unter dem Eindruck des Krieges, der sozialen Ungerechtigkeit und Unrast, der wirtschaftlichen Krise sowie der künstlerischen Isolation und nicht zuletzt durch die Anregung zahlreicher in die Schweiz geflüchteter Künstler fanden beispielsweise Eduard, Ernst und Max Gubler, Ignaz Epper, Fritz Pauli, Hermann Huber und Otto Baumberger zu einer Motivwelt des urbanen, proletarischen revolutionären Aufruhrs, meist jedoch zu einer pessimistischen Ikonografie der Vereinsamung des Individuums, der Resignation und Weltflucht. Der Direktheit und Emotionalität der Inhalte entsprach die Vorliebe für die druckgrafischen Techniken der Radierung und des Holzschnitts.

In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg beschäftigten sich etliche der genannten Künstler weiter mit den gleichen Themen. Parallel zu einer europaweiten Tendenz wandten sie sich aber einer neuklassizistischen oder neusachlichen Formensprache zu. In der Schweiz erlebte der Expressionismus in der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre eine zweite, späte Blüte. Unter dem Eindruck der Malerei von Edvard Munch und vor allem von Ernst Ludwig Kirchner, der seit 1917 in Davos lebte, schlossen sich die jungen Künstler Albert Müller, Hermann Scherer, Werner Neuhaus, Paul Camenisch und Otto Staiger in der Silvesternacht 1924/1925 in Basel zur Gruppe Rot-Blau zusammen. Im direkten persönlichen Austausch mit Kirchner entwickelten sie eine Landschafts- und Figurenmalerei von spontan-archaischer Formgebung und heftig leuchtender Farbigkeit in der Nachfolge des ehemaligen Brücke-Stils. Scherers in taille directe aus dem Stamm gehauene Holzfiguren sind der wichtigste Beitrag der Schweiz zur expressionistischen Skulptur. Mit dem frühen Tod Müllers (1926) und Scherers (1927) ebbte der Expressionismus in der Schweiz ab, lebte jedoch in den individuellen Positionen Fritz Paulis, Ignaz Eppers und Johann Robert Schürchs bis in die 1930er-Jahre fort.

Franz Müller, 2018

Literaturauswahl:

Expressionismus in der Schweiz 1905–1930. Kunstmuseum Winterthur, 1975

Ipotesi Helvetia. Un certo Espressionismo. Pinacoteca comunale Casa Rusca, Locarno, 1991, hrsg. Von Pietro Bellasi, Viana Conti, Eva Korazija, Heidi Saxer Holzer, Martin Stern (in Zusammenarbeit mit Pro Helvetia)

Doris Fässler (Hrsg.): Der Moderne Bund. Beginn der Moderne in der Schweiz. Luzern: Diopter, 2011.

Expressionismus aus den Bergen. Ernst Ludwig Kirchner, Philipp Bauknecht, Jan Wiegers und die Gruppe Rot-Blau, Kunstmuseum Bern, 2007. Hrsg. von Beat Stutzer [et al.]. Zürich: Scheidegger & Spiess AG, 2007

Walter Helbig, Frau und Mann zu Pferd, 1913


Otto Baumberger, Revolution, 1917


Ernst Ludwig Kirchner, Stafelalp, Rückkehr der Tiere, 1919


Hermann Scherer, Totenklage, 1924


Albert Müller, Tanzende Badende, 1926


Johannes Robert Schürch, Not, 1930


Ignaz Epper, Bahngeleise in Industriequartier,