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Schweizer Kunstschaffende am Bauhaus

Das Staatliche Bauhaus, 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründet, 1925–1932 in Dessau angesiedelt und unter den Nationalsozialisten 1933 in Berlin zwangsgeschlossen, war eine der innovativsten Kunstschulen des 20. Jahrhunderts. Seine interdisziplinäre Ausrichtung und seine reformpädagogischen Konzepte besassen eine internationale Strahlkraft, die in den Ausbildungsprogrammen diverser Nachfolgeinstitutionen fortwirkte.

Der Anteil Schweizer Kunstschaffender an der Erfolgsgeschichte der Institution ist bemerkenswert. An erster Stelle zu erwähnen ist der Maler und Kunstpädagoge Johannes Itten, der seine Lehrtätigkeit 1919 aufnahm. Der von ihm entwickelte, für alle Studierenden obligatorische «Vorkurs» bildete das Herzstück der Bauhauspädagogik. Hier wurden die Studierenden sechs Monate lang in die Grundlagen der Gestaltung eingeführt; die Schwerpunkte bildeten Natur- und Materiestudien (zu denen auch Farb- und Formenlehre zählten), Analysen alter Meister und das Aktzeichnen. In dem Bestreben, die schöpferischen Energien seiner Schüler freizusetzen, liess Itten sie zu Beginn des Unterrichts Konzentrations-, Atem- und Rhythmusübungen durchführen. Nach Abschluss des Vorkurses konnten die Studierenden ihre Ausbildung in den Bauhaus-Werkstätten fortsetzen. Itten leitete, bis er das Bauhaus 1923 verliess, unter anderem die Werkstätten für Metall, Wand- und Glasmalerei.

Eine weitere Schlüsselfigur war der Maler und Grafiker Paul Klee. Er nahm seine Lehrtätigkeit in Weimar 1921 auf. Anders als Itten verfügte er über keinerlei didaktische Erfahrung und arbeitete seine Farb- und Formlehre im Wesentlichen während seiner Zeit am Bauhaus aus. Als Formmeister stand er zunächst der Buchbinderei und dann der Werkstatt für Glasmalerei vor. Ab 1923 unterrichtete Klee «Elementare Gestaltungslehre der Fläche» und zeitweilig auch Aktzeichnen. Nach dem Umzug nach Dessau 1926 leitete er eine freie Malklasse und übernahm zudem den Formunterricht in der Weberei. 1931 verliess er das Bauhaus.

Einige der Schweizer Schülerinnen und Schüler machten sich nach ihrer Ausbildung am Bauhaus in verschiedenen Disziplinen einen Namen und trugen auf ihre Weise zum Fortleben der Bauhaus-Ideen bei. Der Architekt und Künstler Hans Fischli etwa, der 1928/29 in Dessau studiert hatte, gehörte 1933–36 der international arbeitenden Künstlergruppe Abstraction-Création an, war 1937 einer der Mitbegründer der Allianz, Vereinigung moderner Schweizer Künstler, und leitete 1954–1961 das Zürcher Kunstgewerbemuseum sowie die daran angeschlossene Kunstgewerbeschule.

Alexander (Xanti) Schawinsky hatte während seines Studiums 1924–26 den Schwerpunkt Bühnenbildnerei für sich entdeckt und unterrichtete dieses Fach einige Jahre lang selbst am Bauhaus. 1936 berief ihn Josef Albers an das renommierte Black Mountain College in North Carolina, wo er bis 1938 tätig war. Es folgten weitere Stationen an New Yorker Kunstschulen.

Die deutsche Studentin Gunta Stölzl, die 1921–24/25 in der Weberei gelernt und anschliessend deren Leitung übernommen hatte, emigrierte 1931 in die Schweiz, wo sie gemeinsam mit den ehemaligen Bauhaus-Absolventen Gertrud Preiswerk und Heinrich-Otto Hürlimann die Zürcher Handweberei S-P-H-Stoffe gründete und Mitglied im Schweizer Werkbund wurde. Roman Clemens, ebenfalls gebürtiger Deutscher, wurde bald nach seinem Studium am Bauhaus 1927–1931 Bühnenbildner am Stadttheater Zürich, dem heutigen Opernhaus. Diese Position besetzte er bis 1943; parallel dazu war er als freier Künstler erfolgreich.

Eine besonders wichtige Rolle hinsichtlich der Fortführung von Bauhaus-Ideen aber kommt Max Bill zu. Er hatte 1927/1928 in Dessau bei Klee, Josef Albers, Wassily Kandinsky, László Moholy-Nagy und Oskar Schlemmer studiert und arbeitete nach seiner Rückkehr in die Schweiz erfolgreich als Maler, Grafiker, Plastiker, Typograf, Produktgestalter, Architekt und Publizist. Als einer der wichtigsten Theoretiker der konkreten Kunst stützte er sich unter anderem auf die Lehren Kandinskys, dessen Schriften er ab 1952 neu herausgab. Als Mitbegründer, Architekt und erster Rektor der 1953 eröffneten Hochschule für Gestaltung Ulm wurde er selbst zum Initiator einer interdisziplinär angelegten Ausbildungsstätte für Visuelle Gestaltung, Design, Architektur und Stadtbau.

Britta Schröder, 2017

Literaturauswahl:

Magdalena Droste, Bauhaus 1919–1933, hrsg. v. Bauhaus-Archiv Museum für Gestaltung Berlin, Köln 1991

Eckhard Neumann (Hrsg.), Bauhaus und Bauhäusler – Erinnerungen und Bekenntnisse, Bern/Stuttgart 1971 (erweiterte Neuausgabe Köln 1985)

Rolf Bothe, Peter Hahn, Hans Christoph von Tavel (Hrsg.), Das frühe Bauhaus und Johannes Itten, Ostfildern-Ruit 1994

Wulf Herzogenrath, Anne Buschhoff, Andreas Vohwinckel (Hrsg.), Paul Klee – Lehrer am Bauhaus, (Ausst.kat.) Kunsthalle Bremen, Bremen 200

Max Bill – Retrospektive. Skulpturen, Gemälde, Graphik 1928–1987, (Ausst.kat..) Schirn Kunsthalle Frankfurt, Zürich 1987

Websites:

http://www.bauhaus.de/de/

https://www.bauhaus100.de/de/index.html

Johannes Itten, Der Bachsänger (Der Oratoriensänger Helge Lindberg), 1916


Xanti Schawinsky, Circus, 1924


Paul Klee, Abfahrt der Schiffe, 1927


Max Bill, räumliche komposition no. 9, 1928


Roman Clemens, Spiel aus Form, Farbe, Licht und Ton. Fortissimo, 1929


Hans Fischli, Zellengebilde 28, 1930